Artikel in der Taz – 20.10.2007 von Jan Wehberg

4. März 2012

Hanne und ihr Schauspielhäuschen

Hanne Mogler von der Kleinkunstbühne Foolsgarden im Hamburger Schanzenviertel erhält am Montag den Rolf-Mares-Preis für ihre Leistungen um das Theater außerhalb des Rampenlichts. Seit 30 Jahren leitet sie die unkonventionelle Bühne

Mühsam schiebt Hanne Mogler ihr rotes Damenfahrrad die Lerchenstraße hinauf. Die kleine, schwarzgekleidete Frau ist schwer bepackt mit Einkäufen: Weinflaschen im Fahrradkorb, Toilettenpapier unter dem Arm und Plastiktüten am Lenker. Alles für ihr Theater. Eine Hand für die Zigarette ist trotzdem frei.

Ihr Leben hat sie dem Foolsgarden verschrieben, einer kleinen Bühne im Hamburger Schanzenviertel. Seit sie vor 30 Jahren das Theater gründete, ist sie Leiterin, Veranstalterin und Tresenchefin. Dafür wird ihr am Montag der Rolf-Mares-Preis verliehen. Er wird von den staatlichen und privaten Hamburger Theatern ausgelobt und erinnert an den 2002 verstorbenen ehemaligen Vorsitzenden des Kulturausschusses der Bürgerschaft und Mitarbeiter an mehreren Hamburger Theatern. Erstmalig wird eine Sonderauszeichnung für „langjährige außergewöhnliche Leistungen im Rahmen des Hamburger Theaterlebens, jedoch abseits des Rampenlichts der Bühne“ vergeben. Das passt fast schon zu gut.

Das Foolsgarden wirkt wie ein nachträglich überdachter Hinterhof. Gelbe Ziegelsteine am Boden, rote Kacheln vor der niedrigen Bühne, auf der Kleinkunst, Kabarett, Zauberei und Konzerte ihr Publikum finden. In der Mitte des Raumes springen gerade ein paar buntgekleidete Frauen umher, schütteln sich und brummen seltsam unartikuliert: Eine Künstlergruppe, die sich für ihre Probe lockert.

Das Büro und gleichzeitig die Wohnung von Hanne Mogler befindet sich direkt darüber. Es herrscht altertümlich-gemütliche Studenten-WG Atmosphäre, doch es ist penibel aufgeräumt. Vor allem der Schreibtisch beeindruckt durch akribisch angeordnete kleine Notizzettel. „Sonst finde ich ja nichts wieder“, sagt Hanne und raucht. Hier organisiert sie ihr Lebenswerk, arbeitet mit unglaublicher Energie und Freude für den Fortbestand. Sie hört gleichzeitig den Anrufbeantworter ab, spricht mit einer jungen Musikerin, die zufällig vorbeikommt und sucht Informationen und Fotos zum Foolsgarden. Dabei findet sie immer Zeit zu rauchen.

Entstanden ist das Theater als Möglichkeit, freien Künstlern jenseits des Staatstheaters eine Bühne zu bieten. Die Ursprünge gehen auf die Straßenclowns und -künstler der Fools-Bewegung aus den Siebzigern zurück.

Damals eröffnete der erste Foolsgarden in der Bornstraße am Grindel. Als das Gebäude abgerissen wurde und im Garten schon die großen Pappeln der Säge zum Opfer fielen, packte sie im Haus noch die Kartons. Aber Hanne lässt sich nicht unterkriegen. Aus dem Holz der Bäume baute sie Tische für die noch zu findenden Räume und suchte nebenbei ein neues Zuhause. Im Schanzenviertel wurde sie fündig. In einer ehemaligen Schinkenräucherei packte sie die Kartons wieder aus. Dort lebt und arbeitet sie nun seit 1996. Und die Künstler kommen immer noch.

„Hier gibt es alles, von saugut bis sauschlecht“, sagt sie und steckt sich eine Zigarette an. Und so kommt es auch, dass es manchmal „richtig voll“ ist, also 40 Leute im Publikum sitzen oder eben nur vier. Dann bleibt nicht viel Geld übrig. Der Eintritt geht zu 100 Prozent an die Künstler. Hanne Mogler und der Foolsgarden leben von der Kulturbehörde und der Gastronomie. Das ist nicht viel, aber Angst hat sie nicht: „Quatsch“, sagt sie. Das macht sie häufig und gerne. „Auf meiner Bühne haben schon so viele Leute angefangen, die heute prominent sind, zum Beispiel Corny Littmann, Django Edwards, Stefan Gwildis, Alma Hoppe oder auch Bastian Pastewka, damals noch mit den Comedy Crocodiles. Die spielen heute natürlich in größeren Häusern, aber sie bleiben mir treu“, wenn es mal wieder ganz schlecht läuft – und das kommt häufiger vor – veranstalten Hanne Mogler und ihre Freunde eine Benefizveranstaltung zu Gunsten des Theaters und dann geht es immer irgendwie weiter. Hanne Mogler steckt sich die nächste Mentholzigarette an.

Aber nicht nur talentierte Stars von morgen treten bei Hanne auf, sondern auch ambitionierte Laien. Hier findet jeder seinen Platz. Wer sie besonders beeindruckt oder erfreut hat, will Hanne nicht verraten. Vermutlich würde es gegen ihr Prinzip der Gleichbehandlung verstoßen. Sie mag offenbar alle gern. Wer mit Hanne Mogler spricht, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie schon alles gesehen hat. Trotzdem wird sie nervös, wenn sie an die Ehrung denkt: „Ich weiß gar nicht, was ich anziehen soll.“ JAN WEHBERG

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