Foolsgarden – „Mein Leben, das sind 10 Bücher!“

4. März 2012

Gespräch mit Hannelore Mogler in der OXMOX 2007

Das Foolsgarden Theater ist vielen ein Begriff. Seit 1978 ist der Verein ein Synonym für bunten künstlerischen Austausch. Es ist eine Bühne für Jedermann. Professionelle als auch Laienkünstler, ohne Dünkel und Elitismus. Hier findet man von allem etwas, Musik wie Theater und sogar skurrile Formate wie Zaubershows und Hexensabbate. Hinter all dem steht eine einzige Frau: OXMOX sprach mit Hanne Mogler, die gleichermaßen Gründerin, Leiterin und Veranstalterin des Foolsgarden ist. Außerdem ist sie allabendlich Chefin hinter dem Tresen und manchmal auch mitwirkende Künstlerin im Schanzenviertel…

Als wir uns im Foolsgarden treffen, kommt Hanne Mogler gerade von einem Besuch bei ihrer Mutter zurück. Noch ganz in der familiären Welt gefangen, holt sie prompt ein Familienalbum heraus und zeigt mir alte schwarz-weiß-Fotografien.
Geboren wurde sie 1947 in einem kleinen Dorf namens Wüstenrot (bei Heilbronn), “da, wo die erste Bausparkasse gegründet wurde- Ich bin eigentlich ganz toll aufgewachsen, ein Haus mit Garten mitten im Wald. Weil meine Mutter aus der Bretagne stammt sind wir immer zwischen Frankreich und Deutschland hin- und hergetingelt.” Sie erzählt mir Geschichten aus der Kindheit: Wie sie bei einem Blinden Gitarre lernte und wie sie im Schultheater als Teufelchen debütierte, “weil ich ja immer schon etwas für Theater übrig hatte”. Bereits mit 16 Jahren singt sie ab und an in Tanzcafés.
Nach dem Schulabschluss macht sie eine Lehre als Dekorateurin.
“Da konnte man sich wenigstens so anziehen, wie man wollte. Ich hatte feuerrote, mit Henna gefärbte Haare und schminkte mich stark.”
Von 1968 bis 1972 lebt sie in Berlin, als alleinerziehende Mutter, und produziert dort eine Single. Als Bodo Albes´ Künstlermanagement eine Leadsängerin sucht, kommt sie nach Hamburg. “Das waren Jean-Jaques Kravetz, Steffi Stephan, Thomas Kretschmer und Udo Lindenberg, der damals noch Schlagzeug gespielt hat. Da haben wir dann geprobt und geprobt. Das war aufregend!”
Bald darauf arbeitet sie jedoch wieder als Dekorateurin, um Geld zu verdienen. Zwischendurch lernt sie in Paris Pantomime und Steppen. Sie macht Straßentheater und organisiert Kurse. Ihre Wohnung in der Bornstraße füllt sich mit Künstlern aus Dänemark, Frankreich und Italien. “Da waren die ganzen Leute, aber der Eisschrank war immer leer: So ist die Idee des Foolsgarden eigentlich entstanden.” Der Name signalisiert die Nähe zu der damaligen Fools-Bewegung der Straßenkünstler.
Wenn sie von den Künstlern spricht, die bei ihr auftraten stößt man auf viele bekannte Namen: Corny Littmann, Scheibe, Django Edwards, Die Spalding Sinters (mit Ernie Reinhardt alias Lilo Wanders), Stefan Gwildis (damals noch als Aprillfrisch) und viele andere damals noch unbekannte Stars haben ihre ersten künstlerischen Gehversuche im Foolsgarden unternommen: “Da hat sie noch keine Sau gekannt – die haben alle bei mir angefangen. Viele kommen heute noch – wie z.B. Scheibe, wenn er eine neue Platte testen will, oder einfach als Gäste zu Veranstaltungen.”
1996 zieht der Foolsgarden vom Grindel in die Schanze, wo er sich heute noch befindet. Gemeinsam mit Freunden renoviert Hanne die ehemalige Schinkeräucherei und eröffnet neu innerhalb von vier Wochen.
Auch während unseres Gesprächs bleibt Hanne immer in Aktion. Sie hört den Anrufbeantworter ab, serviert einer Nachbarin ein Bier und einen kleinen Plausch, überprüft die Programmzettel und kehrt Glasscherben zusammen. Zwischendurch raucht sie ungezählte Mentol-Zigaretten. Und immer wieder greift sie zurück auf die Fotos: Sie zeigt mir ihre Eltern, Ihre Geschwister, und ihren Sohn Pascal, der 1983 tragisch bei einem Autounfall ums Leben kam, mit nur 17 Jahren…
Dann nimmt sie mich mit in ihr Büro, das gleichzeitig ihre Wohnung ist. Man sieht, dass es auch hier keine Trennung von beruflich und privat gibt. Es ist immer die “private” Hanne, die man auch hinter der Theke antrifft. Der Foolsgarden ist nicht nur ihr Lebenswerk; er ist ihr Leben.
Seit dem Anfang ist sie ihrem Konzept treu geblieben: Es ist eine Spielstätte für jeden, der auftreten will und dient als Sprungbrett. “Hier kann jeder spielen, ob alt oder jung. Ob nun saugut oder sauschlecht!” Die Vielfältigkeit des Programms entspricht ihrem unkonventionellen persönlichen Werdegang. Es ist ein Ort, an dem die kategorielle Einteilung in Gengres hinter dem spontanen Erlebnis zurücktritt. “Alles bunt gemischt. Von Hip-Hop über Tango bis Jonglieren und Varieté oder Theater”. Es darf und soll sich alles kreuzen. “Denn genau dadurch entsteht viel.”, meint Hanne Mogler. “Es herrscht immer viel Interaktivität, der Kontakt zu den Künstlern ist sehr direkt. Und weil es klein und familiär ist, traut man sich mehr.” Rund 40 Besucher passen bei einer gut besuchten Veranstaltung in die Räumlichkeiten. Manchmal greift sie noch spontan zur Singenden Säge, ihrem Instrument, und spielt selbst mit. Aber ansonsten möchte sie “den Platz den Nachkommen überlassen; ist ja auch so genug zu tun!” es ist auch ein Raum für Schülergruppen und freie Theaterprojekte. “Geht alles!” Man könne ihr einfach auf den Anrufbeantworter sprechen, wenn man etwas aufführen will, sagt sie, “Ich ruf jederzeit zurück.”
Finanziell gesehen ist der Foolsgarden e.V. ein Idealismus-Projekt. Es ist ein Förderverein und sämtliche Eintrittsgelder gehen an die Künstler. Die Zuschüsse von der Kulturbehörde bleiben seit 1980 bei steigenden Unkosten gleich und decken nur ca. 25% von dem ab, was eingewirtschaftet werden muss. Doch Hanne Mogler ist froh, überhaupt etwas zu bekommen, noch nicht “gestrichen” worden zu sein.
“Der allgemeine Kulturabbau ist ganz gruselig Und wenn sie noch die “Alten” wie uns streichen, dann kannst du die Kultur bald in der Pfeife rauchen! … Kommt drauf an, was für eine.”, sie lacht. “Ich hab mein Leben lang gearbeitet. Das bisschen was ich an Rente zu erwarten habe, reicht nicht. Ich muss eigentlich weiter machen…” Auf die Frage, ob sie Angestellte hat, schaut sie verwundert. “Woher denn? Mal hin und wieder die ehrenamtliche Mitarbeit von Freunden.” Leichter werde es nicht. “Ich werd´ ja auch irgendwann mal älter; oder bin es schon.” Sie kichert wieder fröhlich. Ans Aufhören denke sie aber ohnehin nicht. “Ich mach das so lange, bis ich umfalle.”
Irgendwann, wenn Hanne Mogler ein bisschen Zeit hat, will sie ihre Biografie schreiben. “Mein Leben, dass sind 10 Bücher.”
2007 steht erst einmal das 30-jährige Jubiläum des Foolsgarden bevor – Hanne plant bereits ein großes Straßenfest…

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